Besuch der Gesamtschule Facettenreich in Issum

Auf unserer Informationsveranstaltung am 4. April 2019 berichtete der Fachanwalt Janbernd Wolfering von der Gesamtschule in Issum. Dass diese Schule einzügig aufgebaut ist, ließ eingeweihte Zuhörer aufhorchen. Denn bislang bremste uns die Vorstellung, dass für die Gründung einer finanzierbaren Gesamtschule über 100 Schüler je Jahrgangsstufe notwendig wären. Für Schulen in freier Trägerschaft gilt diese Beschränkung offensichtlich nicht. Für freie Schulen – so schärfte uns Rechtsanwalt Wolfering ein – gibt es keine Denkverbote!



Auf der Suche nach einer Vorlage für eine Gesamtschule Isselburg besuchten Babett Günther, Simone Krebs, Werner Konnink und Andreas Pasckert in den Osterferien die Gesamtschule Facettenreich (www.facettenreich.schule) in Issum-Sevelen. Das dortige Schulgebäude wurde zuvor als öffentliche Hauptschule genutzt.

Vor dem Gebäude begrüßt uns der Schulleiter Olaf Peim. Er und seine Kollegin Kristina Liehr sind die Initiatoren der Schule. Die beiden sind die Inhaber und Geschäftsführer des Schulträgers und zugleich die Schulleiter sowie Lehrer der Gesamtschule.

Olaf Peim war zuvor als verbeamteter Lehrer an einer öffentlichen Gesamtschule beschäftigt. Aus dieser gesicherten Position gründete er den Schulträger in Form einer gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) und pachtete von der Stadt Issum für jährlich 700 Euro das gesamte Gelände mitsamt den ungenutzten Gebäuden. Unternehmerisch verfolgt er eine einfache Devise: „Was wir selber machen können, machen wir selber. Was wir nicht können, kaufen wir zu.“ Die pädagogische und organisatorische Planung führt er selber durch. Mit den juristischen und kaufmännischen Themen der Trägergründung beauftragte er den Fachanwalt Wolfering. Das Vorhaben finanzierte Olaf Peim durch den Verkauf seines Wohnmobils und blieb – wie er betonte – schuldenfrei.

Olaf Peim führt uns durch die Gebäude und Räume. Wir sehen ein helles Schulgebäude aus den 70ern, dessen Stil an die Grundschule Isselburg erinnert. Alles befindet sich in einen ordentlichen, sauberen Zustand. Die Besonderheit ist die unterschiedliche Gestaltung innerhalb der Räume: Jeder Raum ist in unterschiedliche Zonen aufgeteilt, die zahlreiche Angebote für die Schüler zum Selberlernen bieten. Neben Lern- und Besprechungstischen findet sich eine gemütliche Sofaecke. Bücher, Lernmaterialien und einige Computertabletts stehen an verschiedenen Stellen übersichtlich geordnet bereit. Und an den Wänden hängen Kunstwerke der Schüler, Plakate mit Lernhinweisen sowie einige Kopfhörer. Jedes Kind erhält in jeder Woche einen individuellen Lernplan, bei dem stets sichergestellt ist, dass alle wichtigen Lerninhalte vermittelt werden. Die Kinder entscheiden selber, wie viel Zeit sie in welchem Raum an welchem Medium verbringen, um ihre Lernziele zu erreichen. Sie haben die erforderlichen Mittel, die für sie erforderliche Lernzeit und bei Bedarf unterstützt ein Lehrer. Wenn die Kinder sich andere Lerninhalte aneignen wollen, wechseln sie eigenständig in einen anderen Raum. Räume, in denen zu Zeiten der öffentlichen Hauptschule die Tische militärisch ordentlich aufgereiht für den Frontunterricht standen, wurden hier in regelrechte Bildungsoasen verwandelt.

Aber auch die Rolle des Lehrers wandelte sich: Statt Frontalunterricht und lernplanmäßige Stoffvermittlung im Klassenbuch dokumentieren zu müssen, steht er als Lernbegleiter für individuelle Fragen hilfreich zur Seite.

Wir spürten förmlich, dass die Menschen – sowohl Kinder als auch Lehrer – sich hier wohlfühlen.
Da verwundert es auch nicht weiter, dass sich im letzten Jahr 98 Kinder auf die 32 Plätze für die Jahrgangsstufe 5 beworben haben. Das Auswahlverfahren ist einfach: Geschwisterkinder erhalten vorrangig eine Zusage, die übrigen Plätze werden verlost. Es wird darauf geachtet, dass je 16 Mädchen und 16 Jungen zugelassen werden.

Die Beiträge der Eltern sind nach dem Einkommen gestaffelt und liegen zwischen 0 und 225 Euro pro Monat. Dafür gibt es ein vielseitiges Lernangebot bis zum Abitur, eine Ganztagsbetreuung und Essen, das mit den Kindern der Klassen 5. und 6. täglich gekocht wird. Einige Lebensmittel werden kurz zuvor aus dem hauseigenem Schulgarten geerntet.

Auch bei den Lehrern ist diese Schule als Arbeitsplatz beliebt, die eine wohltuende Alternative zu dem starren öffentlichen Schulsystem bietet. Die Einstellungsgespräche verlaufen nach einem einfachen Muster: Geeignet erscheinende Bewerber werden zum Gespräch und zur Besichtigung der Schule eingeladen. Wenn die Vorstellungen übereinstimmen, hospitiert der Bewerber zu einem späteren Zeitpunkt im laufenden Schulbetrieb. Verläuft die Hospitation erfolgreich, so wird dem Bewerber ein befristeter Jahresvertrag angeboten. Ist auch diese Arbeitsphase gut verlaufen, so erhält der Lehrer einen unbefristeten Vertrag mit üblichen Kündigungsfristen.

Inzwischen befindet sich die Gesamtschule im dritten Jahr und erfreut sich eines guten Zulaufs. Olaf Peim hinterlässt einen zufriedenen und entspannten Eindruck auf uns. Und das in seine Gesamtschule investierte Geld erhielt er aufgrund der erzielten Gewinne bereits wieder zurück. Das unternehmerische Risiko hat sich offenbar gelohnt.

Der eigentliche Gewinn dieser mutigen Investition besteht in der Schaffung einer wundervollen Bildungsoase und in dem unschätzbaren Wert für die Kinder und deren Familien in Issum.

Andreas Pasckert, 27.04.2019